Tagung „Christlich-islamischer Dialog in der Kritik – Erfahrungen, Strategien, gesellschaftliche Präsenz“

Tagung „Christlich-islamischer Dialog in der Kritik – Erfahrungen, Strategien, gesellschaftliche Präsenz“

Die Islamische Zeitung brachte am 19.10.2004 den folgenden Bericht über die vom KCID mitveranstaltete Tagung an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Stuttgart-Hohenheim.

Stuttgart: Kritik am Dialog – Dialog über die Kritik
Tagungsbericht: „Dialog findet zwischen Menschen statt!“

Vom 8. bis 10. Oktober 2004 fand im Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim erstmals eine Tagung zum Thema „Christlich-islamischer Dialog in der Kritik“ statt, nachdem sich Dialoginitiativen auf vielen Ebenen und an verschiedensten Orten entwickelt haben. Diese Initiativen sehen sich in den letzten Jahren vermehrt Kritik ausgesetzt, die ablehnend als Vision eines „Chrislam“ gezeichnet, oder kritisch als blauäugig“ oder naiv gesehen wird. Die Kluft zwischen Dialogkräften und –kritikern wird daher immer größer. Ziel dieser Tagung sollte also sein, den Dialog neu zu bestimmen und einen distanzierten Blick auf die Rolle im Dialog zu werfen. Dabei stand die Frage nach den Rückwirkungen auf und Konsequenzen für den Dialog im Mittelpunkt: Man müsse miteinander, nicht übereinander reden.

Die Referate und Diskussion am Freitagabend fanden unter einer durchaus unüblichen Perspektive statt. Klaus Lefringhausen, Integrationsbeauftragter von Nordrhein-Westfalen, thematisierte in seinem Statement zehn Interessen der Politik am interreligiösen Dialog, die für die weitere Diskussion im Laufe der Tagung zur Klärung von verschiedenen Dialog- und Sprachebenen beitrugen. Dies seien die Forderung nach einem würdigeren Themenniveau des Dialogs und der Wunsch, die Partizipation zu thematisieren. Die Politik sei auf den Dialog angewiesen, um Zukunftsaufgaben für das Zusammenleben zu definieren und im Hinblick auf eine interkulturelle Grundwerte-Debatte, deren Führung den Dialogparteien obliege. Er schloss seinen Beitrag mit dem Gebet eines Beamten im Ausländeramt, das die Schwierigkeiten der Vereinbarkeit des Gebotes der Nächstenliebe mit den Asylvorschriften und aufenthaltsrechtlichen Fragen reflektiert. In der Diskussion wies er auf die Idee des Leistungsprinzips hin, wie es in Sport und Wirtschaft existiere. Dieses sei neutraler als die Gesellschaft und könne daher Vorbildcharakter haben, ohne falsche Scheu zusammenzuarbeiten.

Josef Schleicher akzentuierte aus Sicht der Wirtschaft vor allem den Aspekt, dass der konkrete Mensch im Unternehmen bezüglich des Zusammenlebens gefragt sei, da weder Unternehmen noch Staaten als solche einen Dialog führen könnten. Sie seien immer auf Menschen angewiesen; diese seien das Kapital des Unternehmens. Das Zusammenleben der verschiedenen Religionen in den über 80 Ländern, in denen das Unternehmen tätig ist, sei ohne größere Schwierigkeiten möglich. Sein Plädoyer auf die Erzielung eines gesunden Verhältnisses zwischen Gewinn und Menschlichkeit werde in seinem Unternehmen bereits gehört und sei Handlungsanweis ung. Aus dieser Position heraus habe die Wirtschaft die Möglichkeit, auf Vor- und Nachteile des Dialogs hinzuweisen. Trotzdem solle niemand seine eigenen Werte aufgeben. Dass ein Miteinander funktioniere, habe die Wirtschaft bewiesen.

Der Samstagvormittag stand unter dem Leitmotiv der Erfahrungen mit Dialogkritik, die aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern geäußert wurden. Der Integrationsbeauftragte der Stadt Stuttgart, Gari Pavkovic, kritisierte die fehlende Vertiefung kontroverser Themen und Stellungnahmen zu politischen Themen. Der Dialog fließe nicht zurück in den innerislamischen Diskurs. Er verstehe den interreligiösen Dialog als Aufgabe der Religionsgemeinschaften, nicht der Politik.

Müzeyyen Dreessen berichtete von ihren Erfahrungen mit dem Bau einer Moschee in Gladbeck. Die dortige Kritik am Dialog laute, ein Klischee des „idealen Islam“ vorzuleben, der so der Realität nicht entspreche. Zudem werde immer wieder geäußert, die Christen dürften die Muslime nicht kritisieren. Das gesamte Projekt werde darauf hinterfragt, ob eine Gleichberechtigung zwischen Christen und Muslimen überhaupt möglich und wünschenswert sei.

Dr. Martin Affolderbach ist Islamreferent der Evangelischen Kirche in Deutschland und begegnete in seiner Arbeit vor allem dem Vorwurf, dass die Selbstreflexion der christlichen Kirchen über ihre Rolle im Dialog zu stark sei. Zudem seien die muslimischen Partner unseriös, die Grundstruktur des Islam undialogisch und die Dialogpraxis zeige eine Verleugnung der christlichen Religion. Die Kritik im Bistum Essen schilderte Volker Meißner. Dialog sei Verrat am eigenen Glauben, es herrsche keine Gegenseitigkeit, der Dialog werde blauäugig geführt und komme nicht voran. Er zitierte: „Sie gleichen einem Mann, der im Garten des Nachbarn hilft, während das eigene Haus lichterloh brennt!“

Zuletzt stellte Ali Nihat Koc die Begegnungsstube Medina in Nürnberg vor. Durch die Fülle der dortigen Dialogveranstaltungen wird gelegentlich Aktionismus und fehlende Intensität kritisiert und den muslimischen Vertretern Missionierungsabsichten vorgeworfen. Erschwert werde der Dialog auch durch mangelhafte Deutschkenntnisse. Zudem gab er selbstkritisch zu bedenken, dass Muslime aus dem Gefühl der Minderheit Angst hätten, sich in der Öffentlichkeit zu äußern.

Im Zentrum der Tagung standen zwei Impulsreferate aus muslimischer und islamwissenschaftlicher Sicht am Samstagnachmittag.

Der Muslim Abdulhadi Christian Hoffmann unterstrich den Kommunikations-Aspekt. Kommunikation bedeute, in einen gegenseitigen Prozess des miteinander Lernens zu treten, also zum Beispiel gemeinsam Wissen zu erlangen. Daher darf der Informationsfluss weder einseitig sein noch dürften die Teilnehmer vergessen, dass so verstandene Kommunikation ein inszeniertes Gespräch sei. Trotzdem zeichne sich guter Dialog dadurch aus, dass er sich nicht selbst thematisiere. Allerdings führe dies zu der Gefahr, dass Dialog zu einem Ritual werde, wie er im christlich-islamischen Miteinander beobachte. Er reagierte auf die Kritik, die den Muslimen vorgeworfen wird mit einer Liste von Kritikpunkten an christlichen Dialogteilnehmern. So wirft er ihnen vor, sie würden von den Muslimen erwarten, sich zuerst zu Demokratie und Menschenrechten zu bekennen, bevor man überhaupt in den Dialog träte. Wenn Muslime positiv über den Islam berichteten, heiße es, sie missionierten, wenn sie Kritik begegneten, sie seinen Apologeten. So spiegelte er die in Deutschland vorgebrachten Argumente von Dialogskeptikern auf diese zurück und bereicherte damit die Debatte mit einem anderen Blickwinkel.

Ralph Ghadban, Islamwissenschaftler aus Berlin, referierte über Widersprüche und Missverständnisse im Dialog, insbesondere innerhalb des Islam. Seinen Schwerpunkt legte er auf die zum Teil widersprüchlichen Aussagen zur Gewalt gegen Andersgläubige in Koran und Sunna sowie auf die stark differierende Auslegung des Koran in verschiedenen Rechtsschulen und Traditionen, was auf heftigen Widerspruch im Plenum stieß, der sich später artikulierten sollte. Er versuchte auch nachzuweisen, dass viele religiöse Führer und Gelehrte sich offenbar widersprüchlich äußerten oder verhielten, was ihre Glaubwürdigkeit unterminiere. Als ein Beispiel nannte er die nicht erfolgte Erläuterung der „Islamischen Charta“, die vom Zentralrat der Muslime in Deutschland im Jahr 2002 verabschiedet worden war, obwohl dies von vielen Seiten erwartet worden war. Aus seiner Sicht sei auch eine historisch-kritische Exegese des Koran nach Vorbild der Bibel dringend notwendig, um die Verhaftung der meisten Gläubigen in heute nicht mehr aktuellen Rollenbildern und Denkmustern durchbrechen und eine zeitgemäße Aufarbeitung der Glaubensinhalte zu erreichen. Diese beiden teilweise sehr kontroversen Referate stießen auf deutlichen Widerspruch, der jedoch von Seiten der Teilnehmer nicht sofort geäußert werden konnte. Als Zwischenschritt, die Kritik zu bündeln und spezielle Themenfelder tiefer gehend zu diskutieren, teilte man sich in Arbeitsgruppen auf, denen je ein muslimischer und christlicher Leiter vorstand. Am späteren Nachmittag wurden die Ergebnisse dieser Gruppen dann kurz vorgetragen, den Referenten die Möglichkeit der Antwort darauf gegeben, bevor die Teilnehmer ihre Fragen und Anmerkungen an die beiden Referenten richten konnten.

Die Arbeitsgruppe „Dialog auf Augenhöhe - Asymmetrien und Rollen im Dialog“ wies auf die notwendige Ergebnisoffenheit des Dialoges hin und auf die Erlaubnis, Fehler machen zu dürfen. Nur so könne ein Lernprozess einsetzen. Ein Appell war darauf gerichtet, sich davon nicht entmutigen zu lassen. „Theologische Begründungen des Dialogs“ war der Titel einer weiteren Arbeitsgruppe, die vor allem dafür plädierte, die gegenwärtige Praxis als Ausgangspunkt der Diskussion anzuerkennen und nicht Positionen aus dem Mittelalter einzubringen. Der Dialog müsse mit dem Respekt bleibend Verschiedener geführt werden. In dieser Hinsicht könne man aus der Geschichte des christlich-jüdischen Dialogs lernen.

„Kuscheldialog oder Streitkompetenz?“: Unter diesem Titel wurden vor allem Verletzungen im Dialog thematisiert, wodurch beide Parteien unter Druck geraten könnten. Die Teilnehmenden sprachen sich daher für die Entwicklung von Strategien zum Schutz der Dialogpartner aus und den Versuch, durch gemeinsame Interessen und niederschwellige Angebote Dialog praktisch zu verwirklichen.

Die Praxis stand auch in der vierten Arbeitsgruppe: „Aktionismus oder Zielorientierung“ im Vordergrund, die den Aufbau eines Netzwerkes für Partizipation als mittelfristiges Ziel ansieht. Die Jugendarbeit als Ort des Dialogs müsse stärker in den Blickpunkt geraten; hier nimmt der Islamische Religionsunterricht ein wichtige Funktion ein. Formen des Miteinanders zu finden und gemeinsam zu handeln seien nun vordringliche Aufgaben des Dialogs. In der anschließenden Diskussion auch über die Impulsreferate betonte Hoffmann nochmals die Bedeutung des gemeinsamen Handelns zum Beispiel in der Gewaltprävention und übte hiervon ausgehend Selbstkritik am Auftreten der muslimischen Dialogteilnehmer, die zu wenig abstrakt denken würden.

Ghadban hingegen stellte fest, dass in der heutigen Zeit religiös begründetes Leben kaum mehr geführt werde und gelangte von dort zu der Frage, wie Muslime in einem säkularisierten Staat leben könnten. Auf kritische Nachfragen zum fragwürdigen Stil, Inhalt und Zweck seines Vortrages konstatierte er, dass man die Problempunkte benennen müsse, die er zudem aus eigener Erfahrung kenne. Er formuliere seine Kritik nicht weitergehend als innerislamische Kritiker.

Tagungsprogramm mit Hinweisen auf die Dateien zum Herunterladen, siehe unten

Einführung:
Dr. Hansjörg Schmid, Referent der Akademie, Stuttgart, PDF-Datei...
Murat Aslanoglu, muslim. Vorsitzender des KCID, Korb, PDF-Datei...

Welche Interessen haben Politik und Wirtschaft am christlich-islamischen Dialog?
Dr. Klaus Lefringhausen, Integrationsbeauftragter des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, PDF-Datei...
Josef Schleicher, Direktor Politik und Außenbeziehungen der DaimlerChrysler AG, Stuttgart, PDF-Datei...

Erfahrungen mit Dialogkritik...
a) ... in Kommunen: Gari Pavkovic, Integrationsbeauftragter der Landeshauptstadt Stuttgart
b) ... in Moscheen: Müzeyyen Dreessen, Frauenbeirat der DITIB-Moschee Gladbeck
c) ... in Kirchen: OKR Dr. Martin Affolderbach, Islamreferent der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Hannover, PDF-Datei...
                         Volker Meißner, Geschäftsführer des Arbeitskreises Integration, Bistum Essen
d) ... in Dialoginitiativen: Ali Nihat Koç, Begegnungsstube Medina, Nürnberg

Dialogkritik: Beobachtungen und Analysen
Abdul Hadi Christian Hoffmann, Consultant, Berlin, PDF-Datei...
Dr. Ralph Ghadban, Islamwissenschaftler, Berlin, PDF-Datei...

Arbeitsgruppen: Auseinandersetzung mit Dialogkritik
a) „Dialog auf Augenhöhe" – Asymmetrien und Rollen im Dialog
Coletta Latifah Damm, Vorstand der CIG, Köln,
Melanie Miehl, christl. Vorsitzende des KCID, Köln
b) „Um Gottes Willen, Dialog!" – Theologische Begründungen des Dialogs
OKR Dr. Martin Affolderbach, Islamreferent der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Hannover, Arbeitsgruppenergebnis (PDF-Datei)...
Zekirija Sejdini, Theologe und Islamwissenschaftler, Mannheim
c) „Kuscheldialog" oder Streitkompetenz?
Müzeyyen Dreessen, Frauenbeirat der DITIB-Moschee Gladbeck
Pfarrer Heinrich Georg Rothe, stellv. christl. Vorsitzender des KCID, Esslingen
d) „Aktionismus" oder Zielorientierung?
Volker Meißner, Geschäftsführer des Arbeitskreises Integration, Bistum Essen
Murat Aslanoglu, muslim. Vorsitzender des KCID, Korb

Dialog Traum-Haft
Theatergruppe der Christlich-Islamischen Gesellschaft (CIG) Region Stuttgart

Islamisches und christliches Gebet
Christlich-Islamische Arbeitsgemeinschaft Marl

Wie geht es weiter? Konsequenzen aus der Dialogkritik
Statements aus christlicher und muslimischer Perspektive – Kleingruppen – Schlussdiskussion
Vortrag von EKD-Referent Affolderbach (PDF-Datei)...
Vortrag vom KCID-Vorsitzenden Aslanoglu (PDF-Datei)...

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