Weltreligionstag 2007 - Das Gebet in den Religionen

Weltreligionstag 2007 - Das Gebet in den Religionen

Der muslimische Vorsitzende des KCID, Murat Aslanoglu, referierte im Stuttgarter Rathaus über die Bedeutung und die Vielfalt des Gebets in der Beziehung zu Gott. Dabei ging er auch auf den Unterschied ein zwischen interreligiösen und multireligiösen Gebeten.

Meine sehr geehrte Damen und Herren,

ein Mann geht zum Friseur, um sich Haare und Bart schneiden zu lassen. Die beiden kommen ins Gespräch und landen auch bei der Frage nach dem Glauben.

Der Friseur sagt: „Ich glaube nicht, dass es so etwas wie einen Gott gibt.“ Der Mann fragt ihn: „Warum denn nicht?“ Der Friseur antwortet: „Geh nach draußen und sieh dich um. Überall wirst du arme, kranke und unzufriedene Menschen sehen. Verlassene und einsame Kinder. Die Menschen betrügen sich und bringen sich um. Würde es einen Gott geben, so würde er all diese Ungerechtigkeiten nicht zulassen.“

Der Mann ist nicht derselben Meinung, sagt aber um des lieben Friedens willen nichts. Nachdem der Friseur fertig ist, bezahlt der Mann und geht nach draußen. Kaum aus der Tür, begegnet er einem anderen Mann. Dieser hat ein ziemlich herunter gekommenes Aussehen, mit langem, zotteligem Haaren und zerzaustem Bart.

Der Mann geht wieder zurück in den Laden des Friseurs und sagt zu ihm: „Ich glaube nicht, dass es so etwas wie einen Friseur gibt.“ Dieser ist verwundert und fragt: „Wie kommst du da drauf? Ich bin Friseur.“ Der Mann sagt: „Geh nach draußen und sieh dich um. Würde es einen Friseur gäben, dann gäbe es keine ungepflegten Menschen mit zotteligem Haar und Bart.“ Darauf der Friseur: „Ich bin hier. Was kann ich dafür, dass der Mann nicht zu mir kommt?“

Diese kleine Anekdote will sagen, dass der Sinn des Lebens darin besteht, die Existenz einer höchsten Macht zu erkennen, Ihr zu huldigen, nach Ihrer Nähe, Ihrem Segen, Ihrer Liebe zu streben. Diese Macht hat uns einen freien Willen gegeben. Wir können uns frei entscheiden, ob wir uns Ihr zuwenden oder nicht.

Mir ist es nicht ganz einfach gefallen, über die Bedeutung des Gebets zu sprechen und dabei gleich sechs Religionen zu berücksichtigen. So glauben einige fernöstliche Religionen nicht an eine übergeordnete Macht. Sie lassen sich vielmehr von einem allgemeinen Wirkprinzip leiten. Dies erfolgt durch Meditation und heilsame Riten statt durch Gebet an einen Schöpfergott.

Da ich als Muslim spreche, bitte ich um Verständnis, dass ich im Folgenden diese einzigartige Macht, von Der alles abhängt, voraussetze und sie Gott nennen werde, wie das auch in Deutschland üblich ist.

Unsere Gebete machen nur Sinn, wenn wir akzeptieren, dass es einen anbetungswürdigen Gott gibt. Im Koran wird uns gesagt, dass die gesamte Schöpfung Gott anbetet, alles was in den Himmeln und auf Erden ist, die Sonne, der Mond, die Sterne, die Berge, die Bäume und die Tiere. Alle sind von Ihm abhängig, auch wir Menschen.

So sagt Gott im Koran sinngemäß (Sure 2, Verse 152-153):
So gedenkt Meiner, damit Ich eurer gedenke. Und seid Mir dankbar und verleugnet Mich nicht. O ihr, die ihr glaubt, sucht Hilfe in der Geduld und im Gebet. Denn Gott ist mit den Geduldigen.

Das Gebet hat also mehrere Bedeutungen:

Wir beten Gott an, indem wir Ihn preisen, Ihn loben, Ihm danken, Ihm unsere Treue und unser Vertrauen aussprechen. Wir wollen Gott gefallen und Seinen Segen erhalten. Wir erhoffen uns von Ihm Erfüllung und Glückseligkeit, sowohl im diesseitigen als auch im ewigen Leben. Das Gebet kann dabei die Verbindung zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt sein. Durch unsere Gebete können wir unseren Geist vertiefen, unsere Moral und unsere Tugenden stärken. Das Gebet kann uns wieder aufrichten und uns neuen Mut geben. Gebet ist auch unser Bewusstsein, dass Gott uns sieht, egal wo wir sind und was wir machen. Dieses Bewusstsein sollte unser ständiger Begleiter im Alltag sein, eine dauernde innere Haltung, mit Gott geistig verbunden zu sein. So können wir es schaffen, Schlechtes von uns fern zu halten und Gutes zu tun und zu sprechen.

Im Gebet können wir die Nähe und die Liebe Gottes spüren. Das Gebet kann unser Herz öffnen für ungeahnte Glücksgefühle, auch wenn sie nur einige Sekunden lang dauern. Wir können dabei die Unendlichkeit fühlen. Und die Süße der Zuneigung Gottes schmecken. All dies sollte zu einer Haltung der Dankbarkeit führen, die uns erst frei macht von falscher Abhängigkeit. Die uns befreit von unserem eigenen Ego, von Machtstreben, von Besitz und sonstigem Verlangen. Denn unsere Seele ist für die Ewigkeit geschaffen. Sie will nicht ständig hin und her gerissen sein zwischen unersättlichen Bedürfnissen. Sie sehnt sich nach innerer Ausgeglichenheit.

Damit wir uns auf den Weg zu Gott machen können, hat Er im Laufe der Zeit immer wieder Menschen auserwählt, die Seine Wahrheit und Seinen Willen verkündet haben. Er hat ihnen Offenbarungen und Bücher gegeben. Und Er hat dabei jedes Volk berücksichtigt.

Aus dem Erbe dieser Botschafter sind dann verschiedene Religionen entstanden. Alle haben ihre eigenen Formen und Traditionen des Gebets entwickelt. Und auch innerhalb der jeweiligen Religion gibt es verschiedene Möglichkeiten zu beten. Im Gebet können wir direkt und unmittelbar mit Gott, dem Erhabenen, sprechen. Manche sprechen in ihren Gebeten hingegen Vermittler an und bitten um deren Unterstützung.

Man kann als Einzelner, in einer kleinen Gruppe oder öffentlich in der Gemeinschaft beten. Das Gebet kann laut oder leise gesprochen werden. Wenn wir unsere Gebete melodisch singen, kann das Gefühl der Nähe Gottes noch intensiver sein. Das Gebet kann eine feste Form und Zeit haben, einen klaren Ablauf mit vorgegebenen Symbolen. Dabei können heilige Texten in deren Originalsprache rezitiert werden. Gebet kann aber auch spontan und formlos sein mit eigenen Worten, in jeder Situation und an jedem Ort. Das Gebet kann ganz in einer Ruheposition stattfinden. Oder verschiedene Körperhaltungen, Gesten und Bewegungen beinhalten.

Im Gebet können wir unseren Glauben an den Schöpfer bezeugen. Und zeigen, dass wir Ihm vollkommen vertrauen und Hoffnung auf Ihn haben. Als Betende können wir Gott loben. Wir können Seine Allmacht preisen. Und unsere eigene Schwäche und Unkenntnis zugeben. Gott weiß besser als wir, was gut für uns ist. Darum bitten wir Ihn um das, was Er für richtig hält. Dies ist wahre Demut. Wir können Gott danken - für unsere Existenz, für die Schönheit Seiner Schöpfung, für die guten Dinge im Leben. Aber auch für die vielen Prüfungen, die Er uns auferlegt und mit denen wir wachsen können. Wir können Gott bitten, uns echtes Wissen und wahre Erkenntnis zu geben.

Wir können Ihn um Vergebung bitten für unsere schlechten Taten und Gedanken. Und auch geloben, uns ab sofort von ihnen fern zu halten. Wir können Gott unsere Sorgen mitteilen. Und Ihn um Hilfe und Schutz bitten in unserem Alltag und in besonders schwierigen Situationen. Wir können um Gesundheit, Wohlstand und Zufriedenheit im diesseitigen Leben bitten. Und dass wir im Jenseits zu den Glücklichen gehören, die in Gottes Nähe sein und Ihn unverhüllt sehen werden. Wir können um Erlösung, um Verlöschung oder um Vereinigung bitten. Alle unsere Bitten können wir für uns selbst sprechen. Oder für unsere Familie, Verwandten und Freunde. Oder für unsere Glaubensgeschwister. Oder für die gesamte Menschheit und Schöpfung.

Diese Vielfalt an Gebetsweisen und Gebetsinhalten zeigt, dass es verschiedene Wege gibt, sich Gott zu nähern. Wir werden gleich einige Gebete und Meditationen aus den Religionen hören und fühlen. Wenn Menschen verschiedener Religionen zusammenkommen, um beieinander zu beten, dann kommt oft die Frage auf, ob das denn überhaupt möglich sei. Manche fragen sich, ob die eigene Religion das zulässt. Eine berechtigte Frage, gerade von denjenigen Menschen, die keinen oder kaum Kontakt zu anderen Religionen pflegen und das Heil ausschließlich in der eigenen Glaubens- und Lebensweise sehen.

Ich möchte abschließend kurz auf dieses Thema eingehen und dabei zwischen interreligiösen und multireligiösen Gebeten unterscheiden.

Unter einem interreligiösen Gebet versteht man gemeinsam formulierte Gebete, die auch gemeinsam gesprochen werden. Diese Form wird von vielen Religionsvertretern skeptisch betrachtet. Man befürchtet die Vermischung der Religionen und eine Schwächung des eigenen Glaubens.

In multireligiösen Gebeten hingegen sprechen die Vertreter verschiedener Religionen jeweils für sich aus ihrer eigenen Tradition heraus formulierte Gebete. Die übrigen sind andächtig dabei in einer Haltung des Respekts und der Demut. So wie heute hier im Stuttgarter Rathaus.

Das Gebet und die Meditation sind der Kern unserer jeweiligen Religion. Eine Religion ohne Gebet gibt es nicht. Das Gebet ist uns allen gemeinsam. Daher verbindet uns das Gebet. Doch im Dialog wie auch im Gebet kann es nicht darum gehen, Unterschiede zu verleugnen oder zu relativieren. So haben allein die monotheistischen Religionen ein recht unterschiedliches Verständnis von Gott und seiner Schöpfung.

Auch wenn wir alle ewige Glückseligkeit anstreben, so versteht doch jeder von uns etwas anderes darunter. Das gleiche gilt für das Verständnis von Gebet.

Als Angehörige verschiedener Religionen kommen wir uns umso näher, je mehr Tiefe wir in unserer eigenen Tradition entdecken. In multireligiösen Gebeten ist es daher wichtig, dass die Identität des eigenen Glaubens erhalten bleibt und sie nicht zu Ersatzveranstaltungen für Gottesdienste der eigenen Religion werden. In vielen Dialogveranstaltungen wiederholen sich ständig die gleichen Diskussionen. Sie führen nicht weiter, weil sie rein kopfgesteuert sind.

Multireligiöse Gebete hingegen können Tore der Besinnung öffnen und Raum zum Nachdenken geben. Sie können helfen, den anderen besser zu verstehen. Sie können den eigenen Glauben bereichern und vertiefen. Und uns lehren, Respekt vor anderen religiösen Überzeugungen zu bezeugen. Hier können wir die Spiritualität und die Frömmigkeit der anderen fern jeder Tagespolitik erleben. Wir können sehen, dass die höchsten Werte und Ideale des Menschen sich doch sehr gleichen. Multireligiöse Gebete können Vertrauen schaffen, weil sie einen gemeinsamen Geist spürbar machen.

Neben der Anbetung Gottes sehe ich noch ein weiteres Ziel eines multireligiösen Gebets. Nämlich mit Wort und Tat gemeinsam für ein friedliches Zusammenleben und eine gerechte Welt einzutreten.

Gott trägt uns im Koran auf, uns durch Geduld und Gebet gegenseitig zu helfen. Dies gilt meiner Meinung nach auch über Religionsgrenzen hinweg. Wie wir Frieden erlangen können, beschreibt Gott im Koran (Sure 5, Vers 16):
Gott leitet jene, die Sein Wohlgefallen suchen, auf die Wege des Friedens, und Er führt sie mit Seiner Erlaubnis aus den Finsternissen zum Licht und führt sie auf einen geraden Weg.

Und Gott weiß es am besten.

Mit diesen Worten danke ich Ihnen für Ihr Zuhören.

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